02.08.2023
Vortrag im Hohenloher Krankenhaus
Multimodale Behandlung bei krankhaftem Übergewicht

Für Menschen mit sehr starkem Übergewicht gibt es einen Weg aus der sog. „morbiden“ (krankhaften) Adipositas. Das machte Prof. Dr. Frank A. Wenger, Chefarzt der Abteilung für Allgemein-, Viszeral-, Gefäß- und Unfallchirurgie bei seinem Vortrag am 19. Juli im Hohenloher Krankenhaus deutlich.
Gemeinsam mit der Ernährungsberaterin Andrea Häusele und
der Bewegungstherapeutin Petra Bremm vom Vitalis-Gesundheitszentrum in Öhringen stellte er das multimodale
Behandlungskonzept vor, das seit November 2021 am Hohenloher Krankenhaus Öhringen
erfolgreich etabliert ist. Die Referent*innen zeigten auf, wie minimalinvasive
chirurgische Therapie (Schlauchmagen-Operation), Ernährungsberatung,
Bewegungstherapie und eine Adipositas-Selbsthilfegruppe miteinander verknüpft
werden können, um eine nachhaltige Behandlung zu gewährleisten.
Was ist Adipositas?
Bei einem BMI (Body-Maß-Index) von 40kg/m2 – bei Diabetiker*innen ab 35kg/m2– gelten Patientinnen und Patienten
als krankhaft adipös. Von morbider Adipositas oder Fettleibigkeit spricht man
bei starkem Übergewicht mitsamt gesundheitlichen und sozialen Einschränkungen;
es handelt sich hierbei um eine von den Krankenversicherungen anerkannte
chronische Krankheit, die oft mit weiteren Erkrankungen wie Diabetes,
Bluthochdruck, Gelenkerkrankungen und Depressionen zusammenhängt.
„Viele Menschen mit Adipositas haben einen langen
Leidensweg hinter sich. Eine individuelle Behandlung mit viel Empathie und
Verständnis ist nötig, um ganzheitlich helfen zu können. Ebenso ist die Unterstützung
beim Umgang mit der Krankenversicherung und die Vermittlung von weiteren
Expert*innen bei der Behandlung von Adipositas wichtig“, sagt Prof. Dr. Frank
A. Wenger, der auf Adipositas-Chirurgie spezialisiert ist. Deswegen setzt er
auf die Behandlung im Team. Prof. Dr. Wenger stellte seinen Vortrag unter das
Motto „Time for change“ (Zeit für Veränderung) und sprach damit die erste und
wichtigste Hürde bei der Behandlung von Adipositas an: Betroffene müssen bereit
sein, den Weg der Behandlung zu gehen.
Chirurgische Behandlung
In der Adipositas-Sprechstunde bei Herrn Prof. Dr. Wenger
werden in einem ersten Schritt die Voraussetzungen für eine Operation und eine
multimodale Behandlung geklärt. Dies ist vor allem unter der Voraussetzung der
Kostenübernahme durch die Krankenversicherung wichtig. Die von der
Krankenversicherung geforderten Parameter lauten wie folgt: Der BMI liegt über
40kg/m2 (bei Diabetes über 35kg/m2), die Schilddrüsenfunktion ist
normal, es gibt ein psychologisches Attest darüber, dass keine zentrale Essstörung vorliegt, und es findet
eine Ernährungs- und Bewegungstherapie vor der Operation statt, um eine
Verhaltensänderung bezüglich Ernährung und Bewegung einzuleiten.
Nach der Genehmigung des Antrags auf Kostenübernahme durch
die Krankenversicherung erfolgt die bariatrische
Operation. Prof. Dr. Wenger stellte mehrere Operationsverfahren vor. Bei der
Mehrzahl der Patient*innen erfolgt eine Schlauchmagen-Operation, bei der
minimalinvasiv über fünf kleine Hautschnitte ein Teil des Magens (ca. 70 %) entfernt wird. Hierdurch wird aus
dem ballförmigen Magen ein schlauchförmiger Magen gebildet. Dies führt u. a.
dazu, dass die Produktion des Hungerhormons Ghrelin reduziert (dieses wird im
Magen gebildet) und auf diese Weise der Appetit gezügelt wird. Ferner ist über
den schlauchförmigen Magen zunächst nur eine geringere Nahrungsaufnahme möglich.
Beide Effekte führen zu einer Gewichtsreduktion. Im Verlauf dehnt sich der
Magen wieder und die Patient*innen werden später wieder normale
Nahrungsportionen zu sich nehmen können, wenn die Effekte der Ernährungs- und
Bewegungstherapie greifen und somit ein dauerhafter Gewichtsverlust durch das
multimodale Konzept erzielt wird. Nach der Schlauchmagen-Operation nimmt die
Nahrung ihren gewohnten natürlichen Weg – anders als bei der
Magen-Bypass-Operation, bei der die Aufnahmestrecke für Nahrung verkürzt wird.
Die Schlauchmagen-Operation wird mit wenigen Schnitten (minimalinvasiv)
durchgeführt, sodass das Operationsrisiko gering gehalten wird und auch nur
kleine Narben zurückbleiben. Ein weiterer Vorteil: Die Operierten sind schnell
wieder auf den Beinen und verbleiben gerade einmal drei Tage nach der Operation
im Krankenhaus. Es folgt eine medizinische Begleitung in der chirurgischen Adipositas-Sprechstunde des Hohenloher Krankenhauses für zwei Jahre, um eine
Nachhaltigkeit der Gewichtsreduktion zu gewährleisten.
Ernährungstherapie
Mindestens zwei Wochen vor und in der Zeit nach der
Operation steht eine angepasste „eiweißreiche flüssige“
Ernährung für die Betroffenen an, was für die meisten Adipositas-Patient*innen
eine große Umstellung bedeutet. „Schon allein, dass sie wegen der Kohlensäure
keinen Sprudel mehr trinken dürfen, ist für viele eine große Herausforderung“,
weiß Andrea Häusele, Ernährungsberaterin aus Öhringen. Sie hilft, die richtigen
Nährstoffe zu wählen, die Mengen anzupassen und auch die Nahrungsergänzungsmittel
richtig einzustellen. Die Begleitung vor und nach der
Operation zieht sich über längere Zeit, da die Ernährung immer wieder
angepasst werden sollte.
Bewegungstherapie
„Gemeinsam starten, statt einsam warten“ – das Motto von
Petra Bremm, Leiterin des Vitalis-Gesundheitszentrums in Öhringen, stellt eines
ganz klar in den Vordergrund: Gemeinsam klappt alles besser. So auch die
Bewegung. Durch eine fachgerechte und individuelle Betreuung werden die
Operierten angeleitet, sich richtig zu bewegen, um beweglicher zu werden und
Gewicht zu reduzieren. Wichtig dabei ist, dass die Gelenke entlastet werden und
die Therapie zielgerichtet verläuft. Sie betont: „Fettzellen kann man nicht
aushungern, aber über gezielte Bewegung wieder in den Fettstoffwechsel
einschleusen und verbrennen.“ Dazu gehört moderates Kraft- und
Ausdauertraining.
Selbsthilfegruppe
Ergänzend zu den Punkten Operation, Ernährungs- und
Bewegungstherapie ist der Austausch mit anderen Betroffenen eine weitere Säule
im multimodalen Behandlungskonzept bei Adipositas. In Öhringen wurde nun die bereits
2017 gegründete
Adipositas-Selbsthilfegruppe „Schwer was drauf“ reaktiviert und wird
fortan durch Frau Tanja Kison geleitet, die sich über weitere Teilnehmende
freut. Das gemeinsame Erleben, Fragenstellen und Begleiten kann für viele eine
zusätzliche Unterstützung auf dem Weg aus der Adipositas darstellen.
Langfristige Entwicklung
Eine Schlauchmagen-Operation und eine konsequente
nachhaltige Behandlung von Adipositas hat nicht nur eine Reduktion von 60-70% des Übergewichts nach einem Jahr zur Folge, sondern führt
in der Regel auch zu einem gesteigerten Wohlbefinden, mehr Beweglichkeit sowie
zur Reduktion oder zum vollständigen Verschwinden von Depressionen, Diabetes,
Schlafapnoesyndrom und arterieller Hypertonie. Zudem können durch die
Gewichtsreduktion ggf. Gelenkoperationen mit Prothesen der Knie- und Hüftgelenke
vermieden werden. Die Betroffenen fühlen sich gesünder und müssen weniger
Medikamente einnehmen – „sie holen sich
durch die Gewichtsreduktion Gesundheit zurück“, so Prof. Dr. Wenger.
Bei großem Gewichtsverlust kommt es in der Regel zu hängender
Haut an Oberarmen, Oberschenkeln oder der Bauchwand (sog. Fettschürze). Eine
plastische Operation kann zwei Jahre nach der Operation sinnvoll sein und wird dann ggf. ebenfalls durch das Adipositaszentrum
Hohenlohe organisiert.
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Kontakt: Hohenloher Krankenhaus, Adipositaszentrum Hohenlohe, Chirurgisches Chefarztsekretariat
Prof. Dr. Frank A. Wenger, Tel. 07941 692-330


