17.10.2022

Zulassung für Knie-Operationen erneuert

Zulassung für Knie-Operationen erneuert

Jan Dieterich, Chefarzt der Abteilung Orthopädie und Endoprothetik am Hohenloher Krankenhaus, freut sich: „Meine Abteilung hat erneut die Zulassung zur Durchführung von Operationen zur Implantation von künstlichen Kniegelenken bis Ende 2023 erhalten.“

Warum dies ein Grund zur Freude ist? Um die Qualität sicherzustellen, muss jedes Krankenhaus eine Mindestmenge an Knie-Operationen pro Jahr nachweisen. Diese Mindestmengen-Regelung ist für alle Kliniken gleich, und nur wenn es eine Zulassung gibt, darf auch operiert werden. Jedes Jahr müssen demnach mindestens 50 künstliche Kniegelenke implantiert werden. Sogenannte Halbschlitten, also Teilgelenke, werden dabei nicht mitgezählt. Jan Dieterich ist jedoch überzeugt, dass dies beim gewissenhaften Operieren in vielen Fällen die passendere, weil schonendere Lösung ist. „In 30 bis 40 Prozent meiner Knie-Operationen fällt die Wahl auf einen Halbschlitten“, erzählt er.
Die Zulassung erfolgt nach einer Prüfung der Operationen für das vorherige Jahr durch die Landesverbände der Krankenkassen und Ersatzkassen immer für zwölf Monate. Die Regelungen hierzu werden durch den gemeinsamen Bundesausschuss festgelegt.

Arthrose als Grund für Schmerzen
Mehrfach im Jahr informiert Jan Dieterich bei Vorträgen für interessierte Patient*innen über Behandlungsmöglichkeiten bei Hüft- und Knieschmerzen und die Implantation von künstlichen Gelenken, sog. Endoprothesen. Grund für die Schmerzen ist in der Regel Arthrose. Bei der Arthrose geht es um Abnutzung und Verschleiß von Gelenken – dies ist nicht umkehrbar. Dieterich vergleicht diesen Umstand anschaulich mit einem Reifen, der kein Profil mehr hat. Je nach Patient*in schreitet der „Abrieb“ schneller oder langsamer voran. Wenn der Knorpel im Spätstadium ganz ausgerieben ist und Knochen auf Knochen reibt, seien die Schmerzen oft sehr stark. Dieterich weist auch darauf hin, dass die Gründe, Arthrose zu bekommen, sehr verschieden sind. „Es gibt bis zu 200 Ursachen – von der erblichen Anlage über Ernährung und Gewicht bis zum Lebensstil ist alles möglich“, so der Chefarzt. „Oft trifft es einen auch ohne ersichtlichen Grund“. Teilweise verläuft die Arthrose schubweise, und es gibt auch schmerzfreie Zeiten. Daher begeben sich manche Menschen nicht oder erst spät in Behandlung. Die Abnutzung geht aber weiter.

Gemeinsam die passende Therapie finden
Wer mit Hüft- oder Knieschmerzen, die schon über längere Zeit andauern oder immer wiederkehren, ins Krankenhaus kommt, war in der Regel schon vorher in ärztlicher Behandlung. Eine Überweisung von einer Fachärztin / einem Facharzt (Unfallchirurgie, Chirurgie oder Orthopädie) ist dafür notwendig. Die Untersuchung im Krankenhaus erfolgt dann im Dialog mit der Patientin / dem Patienten. Um den Grad der Abnutzung und die richtige Therapie herauszufinden, werden vorranging folgende Fragen geklärt: Wo und wie lange tut es schon weh? Bei welchen Tätigkeiten treten die Schmerzen auf? Bestehen schon Ruheschmerzen? Es kann zum Beispiel sein, dass ein Knie beim Bergabgehen schmerzt, beim Fahrradfahren aber nicht. Wichtig sind auch die richtigen Röntgenbilder. Diese sollten aktuell und beim Knie im Stehen aufgenommen sein. Die abschließende Frage, die nicht zu unterschätzen ist, lautet immer: Passen Röntgenbefund und Beschwerden zusammen? „Prinzipiell gilt: Ein*e zweifelnde*r Patient*in sollte mit der Operation noch abwarten“, ist sich Dieterich sicher.

Therapieformen gibt es viele, eine Operation muss nicht immer sein. Es gibt durchaus auch die Möglichkeit, mit Schmerzmitteln, Physiotherapie, Orthesen und Injektionen eine Zeit lang über die Runden zu kommen. Bei starker Abnutzung und Bewegungseinschränkung können diese Möglichkeiten aber unter Umständen keine Dauerlösung sein. Schmerzmittel haben zum Beispiel nicht unerhebliche Nebenwirkungen, manche Therapien werden nicht von den Krankenkassen bezahlt.

Jan Dieterich verweist auf eine häufige Aussage seiner Patient*innen: „Oje, ich will mich nicht operieren lassen!“ Diese Aussage nimmt er ernst und bespricht daher in Ruhe alle Möglichkeiten. Zusammen mit der Patientin / dem Patienten findet er die passende Lösung für das individuelle Problem. Sollte diese eine Operation sein, so kann man vielen Patient*innen die Angst durch Information nehmen: „Moderne Operationstechniken, eine umfangreiche Patientenschulung, in die auch Angehörige eingebunden werden, und vor allem die frühe Mobilisierung nach der Operation führen dazu, dass der/die Patient*in wieder schnell auf den Beinen und früher mit dem Operationsergebnis zufrieden ist.“

Oft gibt es auch die Möglichkeit, mit einer minimalinvasiven Operation ein Knie-Teilgelenk zu implantieren und dabei die Größe des Eingriffs und die damit verbundene Blutung zu reduzieren. Dieterich betont hierbei: „Halbe Prothesen sind keine halben Sachen!“ Die sogenannten Schlittenprothesen kommen zum Beispiel dann zum Einsatz, wenn keine Bänder geschädigt sind, die Arthrose nur auf der Innenseite (oder in seltenen Fällen der Außenseite) auftritt und das Knie noch recht gut beweglich ist. Bei zu starken Schäden und bei Rheuma ist eine Implantation eines Teilgelenks nicht möglich.

Minimalinvasive Operation mit weniger Komplikationen
Beim sog. minimalinvasiven Operationsverfahren der AMIS-Methode bzw. beim direkten vorderen Zugang (DAA) werden während des Eingriffs keine muskulären Strukturen verletzt. „Das minimiert den Blutverlust während der Operation und hält die Schmerzen nach der Operation in Schach. Die Patient*innen brauchen entsprechend weniger Schmerzmittel, erholen sich schneller von der Operation und sind früher und besser mobilisierbar“, so der erfahrene Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie. Das künstliche Gelenk sei sofort nach der Operation voll belastbar. „Die ersten Gehversuche können – unterstützt durch erfahrene Physiotherapeut*innen – in der Regel noch am Tag der Operation erfolgen“, betont Chefarzt Jan Dieterich. Das Treppensteigen werde schon am zweiten Tag geübt. Dadurch bedingt sind die Patient*innen in den meisten Fällen nach drei bis vier Tagen fit für die Entlassung – ein stationärer Reha-Aufenthalt im Anschluss an die stationäre Behandlung wird empfohlen, um eine weitere Genesung und die rasche Rückkehr in Alltag zu unterstützen. Manchmal sei aber auch eine ambulante Reha-Maßnahme ausreichend – hier werden die Patient*innen aktiv in die Planung mit einbezogen.

Nach der Operation
Patient*innen bleiben in der Regel drei bis fünf Tage im Krankenhaus. „In Öhringen verlassen uns die meisten Operierten nach spätestens vier Tagen. Damit befinden wir uns deutlich unter der durchschnittlichen Verweildauer von über neun Tagen.“ Auch wenn die Patient*innen nach Hause gehen, weil es ihnen gut geht, müssen sie sich noch einige Wochen schonen. Bis alles wieder „normal“ ist, vergehen einige Monate. Eine anschließende Reha ist auf jeden Fall zu empfehlen, hier werden die Patient*innen u. a. darin geschult, ihre Beweglichkeit richtig zu trainieren.

Jan Dieterich betont: „Nach 20 Jahren funktionieren noch ca. 80 % der Prothesen sehr gut.“ Auch der sehr geringe Abrieb sei in diesem Zusammenhang zu vernachlässigen. Ebenso sieht er kein Problem darin, für jede Patientin / jeden Patienten die richtige Größe zu finden: „Wir haben alle Standardgrößen vorrätig und können bei Bedarf sehr kleine oder sehr große Gelenke bestellen.“ Pro Jahr werden in Deutschland übrigens mehr als 180.000 Hüftgelenke durch Prothesen ersetzt. Mit sehr guten Langzeitergebnissen ist der künstliche Gelenkersatz die erfolgreichste Operation des 20. Jahrhunderts.

Geschichte der Abteilung
Seit 2019 hat Chefarzt Jan Dieterich die Abteilung Orthopädie und Endoprothetik in Öhringen aufgebaut. „Mein Ziel ist es, eine qualitativ hochwertige Versorgung für die Menschen mit Beschwerden in den Hüft- und Kniegelenken hier in der Region zu etablieren.“ Dies setzt er seitdem erfolgreich, wenn auch die Corona-Pandemie den Aufbau der Abteilung etwas erschwerte, weil Anfang 2020 Operationen verschoben oder abgesagt wurden.

Jan Dieterich
Das Spezialgebiet des Facharztes für Orthopädie und Unfallchirurgie Jan Dieterich ist der minimalinvasive Gelenkersatz von Hüfte und Knie. Darüber hinaus liegen seine medizinischen Schwerpunkte in der Hand- und Fußchirurgie. Vor seiner Zeit in Öhringen war er als 1. Oberarzt am Landesklinikum Scheibbs in Österreich tätig. Sein Medizinstudium absolvierte der heute 50-Jährige an den Universitäten von Heidelberg, Wien und Kapstadt. Unter anderem in Schweden und in Australien sammelte er umfangreiche OP-Erfahrungen. Seit 2022 ist er Ärztlicher Direktor am Hohenloher Krankenhaus.