26.09.2022
Vortrag zu multimodaler Behandlung bei krankhaftem Übergewicht lockt viele Interessierte ins Hohenloher Krankenhaus

Für Menschen mit sehr starkem Übergewicht gibt es einen Weg aus der sog. „morbiden“ (krankhaften) Adipositas. Das machte Prof. Dr. Frank A. Wenger, Chefarzt der Abteilung für Allgemein-, Viszeral- und Gefäßchirurgie bei seinem Vortrag am 19. September im Hohenloher Krankenhaus deutlich.
Gemeinsam mit der Ernährungsberaterin Andrea Häusele (links im Bild) und der Sportwissenschaftlerin Petra Bremm vom Vitalis-Gesundheitszentrum (rechts im Bild) stellte er das multimodale Behandlungskonzept vor, das seit November 2021 am Hohenloher Krankenhaus Öhringen erfolgreich etabliert ist. Die Referent*innen zeigten auf, wie minimalinvasive chirurgische Therapie (Schlauchmagen-Operation), Ernährungsberatung, Bewegungstherapie und eine Adipositas-Selbsthilfegruppe miteinander verknüpft werden können, um eine nachhaltige Behandlung zu gewährleisten.
Was ist Adipositas?
Bei einem BMI
(Body-Maß-Index) von 40 – bei Diabetiker*innen ab 35 – gelten Patientinnen und
Patienten als krankhaft adipös. Von morbider Adipositas oder Fettleibigkeit
spricht man bei starkem Übergewicht mitsamt gesundheitlichen und sozialen
Einschränkungen; es handelt sich hierbei um eine von den Krankenversicherungen
anerkannte chronische Krankheit, die oft mit weiteren Erkrankungen wie Diabetes,
Bluthochdruck, Gelenkerkrankungen und Depressionen zusammenhängt.
„Viele
Menschen, die unter krankhafter Adipositas leiden, haben einen langen
Leidensweg hinter sich. Eine individuelle Behandlung mit viel Empathie und
Verständnis ist nötig, um ganzheitlich helfen zu können. Ebenso ist die Unterstützung
beim Umgang mit der Krankenversicherung und die Vermittlung von weiteren Expert*innen
bei der Behandlung von Adipositas wichtig“, sagt Prof. Dr. Frank A. Wenger,
Chefarzt der Abteilung Chirurgie, der auf Adipositas-Chirurgie spezialisiert
ist. Deswegen setzt er auf die Behandlung im Team. Prof. Dr. Wenger stellte seinen
Vortrag unter das Motto „Time for change“ (Zeit für Veränderung) und sprach
damit die erste und wichtigste Hürde bei der Behandlung von Adipositas an:
Betroffene müssen bereit sein, den Weg der Behandlung zu gehen.
Chirurgische Behandlung
In der
Adipositas-Sprechstunde bei Herrn Prof. Dr. Wenger werden in einem ersten
Schritt die Voraussetzungen für eine Operation und eine multimodale Behandlung
geklärt. Dies ist vor allem unter der Voraussetzung der Kostenübernahme durch
die Krankenversicherung wichtig. Die von der Krankenversicherung geforderten Parameter
lauten wie folgt: Der BMI liegt über 40 (bei Diabetes über 35), die
Schilddrüsenfunktion ist normal, es gibt ein psychologisches Attest darüber,
dass keine Essstörung vorliegt, und es findet eine Ernährungs- und
Bewegungstherapie vor der Operation statt, um eine Verhaltensänderung bezüglich
Ernährung und Bewegung einzuleiten.
Nach der
Genehmigung des Antrags auf Kostenübernahme durch die Krankenversicherung erfolgt
die Operation. Prof. Dr. Wenger stellte mehrere Operationsverfahren vor. Bei
der Mehrzahl der Patient*innen erfolgt eine Schlauchmagen-Operation, bei der minimalinvasiv
über fünf kleine Hautschnitte ein Teil des Magens (ca. 60 %) entfernt wird.
Hierdurch wird aus dem ballförmigen Magen ein schlauchförmiger Magen gebildet.
Dies führt u. a. dazu, dass die Produktion des Hungerhormons Ghrelin reduziert
(dieses wird im Magen gebildet) und auf diese Weise der Appetit gezügelt wird.
Ferner ist über den schlauchförmigen Magen zunächst nur eine geringere
Nahrungsaufnahme möglich. Beide Effekte führen zu einer Gewichtsreduktion. Im
Verlauf dehnt sich der Magen wieder und die Patient*innen werden später wieder
normale Nahrungsportionen zu sich nehmen können, wenn die Effekte der
Ernährungs- und Bewegungstherapie greifen und somit ein dauerhafter
Gewichtsverlust durch das multimodale Konzept erzielt wird. Nach der
Schlauchmagen-Operation nimmt die Nahrung ihren gewohnten natürlichen Weg –
anders als bei der Magen-Bypass-Operation, bei der die Aufnahmestrecke für
Nahrung verkürzt wird.
Die Schlauchmagen-Operation
wird mit wenigen Schnitten (minimalinvasiv) durchgeführt, sodass das Operationsrisiko
gering gehalten wird und auch nur kleine Narben zurückbleiben. Ein weiterer
Vorteil: Die Operierten sind schnell wieder auf den Beinen und verbleiben
gerade einmal drei Tage nach der Operation im Krankenhaus. Es folgen weitere
Termine und eine medizinische Begleitung in der Adipositas-Sprechstunde für zwei
Jahre, um eine Nachhaltigkeit der Gewichtsreduktion zu gewährleisten.
Ernährungstherapie
Mindestens
zwei Wochen vor und in der Zeit nach der Operation steht eine angepasste
Ernährung für die Betroffenen an, was für die meisten Adipositas-Patient*innen eine
große Umstellung bedeutet. „Schon allein, dass sie wegen der Kohlensäure keinen
Sprudel mehr trinken dürfen, ist für viele eine große Herausforderung“, weiß
Andrea Häusele, Ernährungsberaterin aus Öhringen. Sie hilft, die richtigen
Nährstoffe zu wählen, die Mengen anzupassen und auch die
Nahrungsergänzungsmittel richtig einzustellen. Die Begleitung zieht sich über längere
Zeit, da die Ernährung immer wieder angepasst werden sollte.
Bewegungstherapie
„Gemeinsam
starten, statt einsam warten“ – das Motto von Petra Bremm, Leiterin des
Vitalis-Gesundheitszentrums in Öhringen, stellt eines ganz klar in den
Vordergrund: Gemeinsam klappt alles besser. So auch die Bewegung. Durch eine
fachgerechte und individuelle Betreuung werden die Operierten angeleitet, sich
richtig zu bewegen, um beweglicher zu werden und Gewicht zu reduzieren. Wichtig
dabei ist, dass die Gelenke entlastet werden und die Therapie zielgerichtet
verläuft. Sie betont: „Fettzellen kann man nicht aushungern, aber über gezielte
Bewegung wieder in den Fettstoffwechsel einschleusen und verbrennen.“ Dazu
gehört moderates Kraft- und Ausdauertraining.
Selbsthilfegruppe
Ergänzend zu
den Punkten Operation, Ernährungs- und Bewegungstherapie ist der Austausch mit
anderen Betroffenen eine weitere Säule im multimodalen Behandlungskonzept bei Adipositas.
In Öhringen wurde nun die bereits 2017 gegründete Adipositas-Selbsthilfegruppe „Schwer was drauf“
reaktiviert und wird fortan durch Frau Tanja Kison geleitet, die sich über
weitere Teilnehmende freut. Das gemeinsame Erleben, Fragenstellen und Begleiten
kann für viele eine zusätzliche Unterstützung auf dem Weg aus der Adipositas darstellen.
Langfristige Entwicklung
Eine
Schlauchmagen-Operation und eine konsequente nachhaltige Behandlung von
Adipositas hat nicht nur eine Reduktion des Übergewichts von 60 bis 70 % nach zwei
Jahren zur Folge, sondern führt in der Regel auch zu einem gesteigerten Wohlbefinden,
mehr Beweglichkeit sowie zur Reduktion oder zum vollständigen Verschwinden von
Depressionen, Diabetes, Schlafapnoesyndrom und arterieller Hypertonie. Zudem
können durch die Gewichtsreduktion ggf. Gelenkoperationen mit Prothesen der
Knie- und Hüftgelenke vermieden werden. Die Betroffenen fühlen sich gesünder
und müssen weniger Medikamente nehmen – „sie holen sich durch die
Gewichtsreduktion Gesundheit zurück“, so Prof. Dr. Wenger.
Bei großem
Gewichtsverlust kommt es in der Regel zu hängender Haut an Oberarmen, Oberschenkeln
oder der Bauchwand (sog. Fettschürze). Eine plastische Operation kann zwei
Jahre nach der Operation sinnvoll sein. Auch bei diesen Operationen verfügt
Prof. Dr. Wenger über große Erfahrung und berät die Patient*innen.
Kontakt: Hohenloher
Krankenhaus, Chirurgisches Chefarztsekretariat Prof. Dr. Frank A. Wenger, Tel.
07941 692-330


